Das Beste kommt zum Schluss – Sehnsucht nach Allem zwischen 17.508 + 3 Inseln
Wann ist eigentlich genug? Eine letzte große Frage, die zum Abschluss von Auf locker um die Welt noch zu beantworten ist. Wieso Sehnsucht nicht gleich Heimweh ist und was ich während meines letzten Inselabenteuers in Südostasien am meisten vermissen sollte. Find out here
Pallo XOXO
3/27/202624 min read
März 2026 - Ich bin schon wieder spät dran. Seeeeehr spät... Dabei hatte ich im letzten Blogpost doch Besserung versprochen, wollte das Finale-Update für mein Online-Travel-Tagebuch eigentlich direkt zum Jahresende 2024 veröffentlichen. Aber dann… Dann kam nichts.
Wirklich ehrlicherweise einfach nichts. Bisschen Unlust, bisschen Mid-Life-Crisis, bisschen Post-Travel-Depression. Weihnachten, Neujahr, sieben neue Länder, plötzlich 30, nochmal Weihnachten, nochmal Neujahr... Im Prinzip genug Stoff für mindestens drei bis fünf weitere Blogposts. Aber eben kein Finale für „Auf locker um die Welt“.
Damit ich hier jetzt nach 14 Monaten (?!) eine halbwegs gute Überleitung und genügend Motivation für das Finale hinbekomme, habe ich also mal ganz tief in der Zitatkiste gekramt - und bin fündig geworden…Trommelwirbel: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“. Wow, wow, wau. Mit so viel Tiefgründigkeit kann es ja nur gut werden.
Spaß beiseite: Es mag schon eine Weile her sein, aber die Erinnerungen an meine letzten Wochen auf Weltreise sind noch da, als wäre es gestern gewesen. Vielleicht, weil es die vermutlich bunteste Mischung aus Erlebnissen und Sidequests war. Vielleicht weil es, die vermutlich emotionalste Zeit der Reise war oder ganz vielleicht, weil Indonesien einfach eins der vielseitigsten und schönsten Länder dieser Erde ist.
Der deutsche Philosoph Manfred Hinrich soll mal gesagt haben: „Anfang und Ende haben den Schlüssel zueinander, manchmal geht er verloren“. Ich habe diesen Schlüssel jedenfalls endlich wiedergefunden – Wo ein Anfang ist, muss auch ein Ende sein. Here weg go!
Aber wie gewohnt, alles der Reihe nach und in seiner Ordnung. Ich mache dort weiter, wo ich aufgehört habe. Irgendwo in einem Flieger über dem Pazifik.
Zurück aus der Südsee
Denn erstmal war nur das Ende meiner Zeit in der Südsee gekommen. Und das war nicht nur in der Planung, sondern auch während der Zeit in der Luft von wildem Flugchaos geprägt. Während ich noch ein letztes Mal die traumhaften türkisblauen Silhouetten der unzähligen Archipele um Fiji aus der Luft bewundern durfte, wurde ich etwa auf halber Strecke zwischen Fiji und Australien abrupt aus diesen Träumereien gerissen. Bei Sonnenschein, Windstille und blauem Himmel kam der Flieger ohne Vorwarnung in die wildesten Turbulenzen, die ich je in einem Flugzeug erleben durfte bzw. erleben musste. Quasi aus dem Nichts sackte die Maschine ab und hörte minutenlang nicht auf, uns massiv durchzuschütteln.
Glücklicherweise verschwanden die Turbulenzen zwar wenig später genauso plötzlich, wie sie auftraten. Auf diesen letzten Abschiedsgruß der Südsee, hätte ich aber auch gerne verzichten können. Immerhin war ich jetzt wirklich zu 100% überzeugt, das wilde Ozeanien hinter mir zu lassen und zurück in die Zivilisation zu reisen, zurück in die Dauerbeschallung Südostasiens. Aufhören wollte ich nämlich dort, wo alles angefangen hat.
Bevor ich aber endlich wieder in ein 7-Eleven steppen durfte und die Kosten für einen ganzen Reisetag auf weniger als 30$ sinken sollten, ging es gezwungenermaßen kurzfristig zurück nach Down Under. Dank Vanuatu-Flugchaos (siehe dazu meinen letzten Blogpost) stand in Melbourne nämlich ein Layover der besonderen Sorte an. 60 Stunden bis zum nächsten Flug… Viel Zeit also, um während des Bloggens in der traumhaften State-Library von Melbourne alles in Ruhe zu verarbeiten. Und natürlich viel Zeit für jede Menge der Besten Flat-Whites dieser Erde im inoffiziellen Coffee-Capital. Australien Flatties – I still miss U 🥲




Entsprechend voll auf einer Überdosis Koffein ging es so zwei Tage später zu unchristlich früher Uhrzeit weiter nach Südostasien. Was ich dabei nicht wusste: Ich hatte den Party-Express des kleinen Australiers gebucht. Direktflug Richtung Indonesien - Direktflug Richtung Bali. Australiens meist frequentierte internationale Flugverbindung und Australiens vermeintlich Günstigste. Die Aussies lieben ihr Bali und Bali liebt seine Aussies. Nicht umsonst stellen sie mit großem Abstand die Nationalität Nr.1 der Bali-Touristen – stolze 25% (zum Vergleich Deutschland stellt ca. 3%).
Wer schonmal im Ryanair-Flieger von Deutschland nach Mallorca saß, kann sich das, was ich die folgenden fünf Stunden erleben durfte, relativ genau so vorstellen. Jede Menge Drinks, jede Menge Musik, jede Menge Drinks und jede Menge Drinks. Aus meinem Plan, um kurz vor 7 Uhr in der Früh eigentlich den Großteil des Flugs zu verschlafen wurde entsprechend nichts. Getreu dem Motto „mitgehangen, mitgefangen“ also Planänderung: Daydrinking über den Wolken des Outbacks mit 200 Australiern. Ich bereue nichts!
Hello Indo – Südostasiatische Vermissungen
Außer vielleicht meine Idee, den Flug nach Java erst für den nächsten Tag zu buchen. Finally gelandet in Bali durfte ich nämlich feststellen, dass es erst 12 Uhr mittags war und ich irgendwie noch den gesamten Tag überbrücken musste. Meine ursprüngliche Idee, die Gegend einfach planlos per Roller zu erkunden, war dem Alkohol zum Opfer gefallen und einfach am Flughafen abzuwarten war auch etwas zu ambitioniert. Notgedrungen wurde also kurzerhand ein Hotel gebucht und dort Schlaf für gefühlt drei Tage nachgeholt. Zusätzlich gabs noch die ersten Impressionen vom Verkehr in Bali. Irgendwas zwischen Chaos, Überfüllung und einer Stunde Fahrzeit für 8 Kilometer. Dazu später mehr.
Mein Indo-Plan hatte Bali nämlich ans Ende und nicht an den Anfang der knapp 30 Tage gesetzt. Bevor ich zum Schluss irgendwo zwischen Ubud und Canggu versacken sollte, wollte ich zumindest einen kleinen Teil dieses riesigen Landes von Java bis Komodo erkunden. Für Step 1 dieses Plans ging es deshalb nach Yogyakarta auf Java, der alten Hauptstadt Indonesiens.
Nach insgesamt fast vier Tagen Reisezeit endlich an meinen Startpunkt für 30-Tage Indonesien angekommen, wollte ich zuallererst nichts sehnlicher als zurück in Asias beste Späti-Kopie – 7Eleven. Eigentlich nicht mal durstig, ging es mir nach fast drei Monaten einfach darum, endlich wieder sinnlos Toasties, Protein-Shakes oder was auch immer für Preise weit unterhalb von einem Euro shoppen zu können. In der Nähe vom Flughafen in Yogja (ja, so nennen die Indonesier ihre alte Hauptstadt) war laut Google Maps nur leider weit und breit kein 7Eleven zu finden. Nicht mal in der Innenstadt, in die ich wenig später per Taxi fuhr, kamen wir an einem Shop vorbei. Entsprechend irritiert fragte ich beim Check-In also mal an der Rezeption an. Antwort: Ein breites Grinsen und die Worte: „You‘re not in Thailand Man. We don’t have 7Eleven in Indo. And before you ask – No Alcohol as well“.
Den zweiten Teil hatte ich zwar nicht gefragt, aber ja. Die Dame hatte Recht. Abseits von Bali, das durch die hinduistische Prägung fast ein eigenes Land im Land darstellt, ist das übrige Indonesien mehrheitlich muslimisch. Java war insofern nach den wenigen Stunden in Bali ein maximaler Kulturschock. Keine Touristen oberkörperfrei auf Rollern, keine Bars an jeder zweiten Ecke, Männer und Frauen in traditioneller Kleidung und vor allem kein Strand in der Nähe.
Naja halb so wild. Gekommen war ich schließlich gerade wegen dieses authentischen Indonesiens. Yogja hatte vielleicht keinen Strand, aber dafür einige der schönsten Tempelanlagen Javas. Und natürlich jede Menge Locals – Ich war ja wieder zurück in Südostasien. Direkt beim ersten Spaziergang durch die Fußgängerzone der Stadt wurde ich nahezu minütlich von Einheimischen angehalten, um Selfies zu machen. In der Bäckerei gab’s direkt eine Führung durch sämtliche Räume sowie den Kaffee aufs Haus und bei den verschiedenen Tempelanlagen wurde man von unzähligen Schülern und Schülerinnen fast schon belagert und mit Interviewanfragen überhäuft. Die Idee der Schulen, so die English-Skills ihrer Schüler zu verbessern, fand ich natürlich ganz sweet. Nach dem gefühlt zwanzigsten Gespräch ging mir dann aber auch irgendwann die Motivation aus. Um dem plötzlichen VIP-Status in der asiatischen Großstadt also doch erstmal wieder zu entfliehen, wurden die folgenden Tage vor allem im Hostel verbracht.
Und auf zwei Rädern. Denn Vermissung Nummer 2 waren nach drei Monaten Australien und Ozeanien ganz klar planlose Roadtrips auf Rollern für drei Euro am Tag. Zusammen mit zwei sehr fotobegabten Belgiern vom Hostel wurde so der erstbeste Vulkan bei Maps rausgesucht und einfach losgedüst. Keine Probleme, Lunch für 2,50 €, Fahrtwind, 30 Grad und am Ende sogar echt schicke Aussichten. Spätestens als die Hostel-Besitzerin abends zum Dinner dann zwei ihrer Schlangen mitbrachte und die Tiere zwischen Uno-Karten, Resten von Nasi-Goreng und den maximal irritierten Gästen rumkrochen, war klar: Südostasien, ich bin zurück!














Von Königen und Zeitstress
Zurück im Geltungsbereich der Backpacker-Grundregel: There’s always a dutch. Die Holländer sind nämlich einfach zu viele für ihr kleines Land. Würde nicht immer mindestens 20% verreisen, wäre das Land laut einhelliger Aussage vieler Dutchies einfach zu voll. Und gerade Südostasien ist da eben besonders populär. Wieso ich da jetzt genau hier drauf komme?
Pretty simple: Zum Abschluss meiner Zeit in Yogja war Kings-Day. Der Nationalfeiertag der Nationalfeiertage für alle, die sich am liebsten in Oranje verkleiden. Damit der einzige Holländer in unserem Hostel diesen Abend nicht allein verbringen musste, wurde also vereinbart per GRAB (Vermissung Nummer 3!!!) die einzige Bar der Stadt mit Alkoholausschank zu finden und zumindest auf einen Drink anzustoßen.
Nicht verraten wurde uns dabei, dass außer unserem Hostel-Kollegen aus Holland auch sämtliche weiteren Dutchies im Umkreis von 100 Kilometern dort anzutreffen waren. Weil die Holländer aus irgendeinem Grund WhatsApp-Gruppen für so ziemlich jede Stadt dieser Erde haben, war nämlich schon von langer Hand geplant worden, den KingsDay dort gemeinsam zu feiern. Und nicht nur das. Bis auf drei seltsame Touristen, die kein Wort holländisch konnten, war der Rest auch standesgemäß in Full Oranje für diese Party der Partys gekleidet.
Kater verarbeitet und so langsam genug von Yogja war der Plan für die übrige Zeit auf Java eine mehrtägige Tour zu den klassischen Touri-Highlights im Osten der Insel. Eigentlich viel Zeit im Gepäck, hatte ich vor, zuerst in aller Ruhe nach Malang zu fahren und von dort die Tour zu organisieren.
Das wäre aber selbstverständlich zu einfach gewesen. Dank einer kurzen Message von mittlerweile Dauer-Travel-Buddy Teja war in meinen sonst so leeren Kalender der 22.05 nämlich plötzlich rot markiert mit den Worten: „Birthday-Party in Bali“. Da konnte ich natürlich unmöglich absagen. Es galt also keine Zeit zu verlieren, die Tour für den nächsten Morgen zu buchen und den nächstbesten Zug nach Malang zu catchen. In der Theorie - Super Timing! In der Praxis – Naja... Vanuatu 2.0 - wie soll ich’s sagen… Ich hatte mal wieder den Zug für den falschen Tag gebucht und saß wenige Stunden später ohne gültiges Ticket am Bahnhof. 0:20 Uhr war nämlich nicht heute, sondern morgen, wenn man um 12:00 Uhr mittags bucht.
Irgendwie mit ganz viel Diskussion und völlig überteuerten Preisen bekam ich dann zur Feier des Tages doch noch ein Ticket für den richtigen Zug, mit dem ich gerade noch pünktlich zur Abfahrt der Ost-Java-Tour in Malang ankam. Angeblich soll die Stadt ja auch ganz schön sein. Für einen Bummel blieb aber keine Zeit.
Die nächsten drei Tage waren nämlich zu 100% durchgetaktet. Van-Tour, Wasserfall, Schlafen. 2:00 Uhr aufstehen, Sonnenaufgang, Van-Tour, Schlafen. 23:00 Uhr aufstehen (ja richtig gelesen…WTF?!), Sonnenaufgang, Van-Tour, Bali.
Zusammen mit neun weiteren Backpackern mal wieder ein einziger Vibe und ganz ehrlich: Wer die Chance hat, sollte einmal in seinem Leben eine Tour durch die Highlights von East-Java machen. Auch wenn man sich teilweise durch schier endlose Mengen an Touristen kämpfen muss, die Nachhaltigkeit der ganzen Sache sicher fraglich ist und man jede Nacht spätestens um 2 Uhr aufstehen muss. Die Panoramen, die der Sonnenaufgang über dem Mt. Bromo bietet und das blaue Feuer im Krater des Mt. Ijen, sind einfach zu einzigartig, um sie nicht mit eigenen Augen gesehen zu sehen.
Zurück auf Bali war an Ausruhen nach den zwei nahezu schlaflosen Nächten aber trotzdem nicht wirklich zu denken. Dank des straffen Zeitplans, den ich seit Tejas Geburtstagseinladung hatte, musste auch hier umgeplant werden. Mein nächstes Bett, war eine Insel weiter. Um rechtzeitig auf Nusa Penida anzukommen, musste ich per Bus, Roller und Fähre innerhalb von sechs Stunden einmal quer durch Bali und seinen tollen Verkehr. Aufgestanden um 23:00 Uhr am Vortag kam ich relativ genau 24 Stunden später am nächsten Reiseziel an. Und relativ genau einen halben Tag, wurde dort erstmal ausgeschlafen.
Das Leben auf Inseln, Bergen und Booten
Ausgeschlafen damit ich an den zwei folgenden Tagen, das machen konnte, wofür ich hergekommen war. Tauchen! Abseits von wirklich tollen, aber wieder mal unnormal touristischen Steilküsten, die der ein oder andere sicher schon diverse Male auf Social-Media entdeckt haben dürfte (#kelingkingbeach – unbedingt die absurde Story mit dem Aufzug lesen), gibt’s in Nusa Penida nämlich wahnsinnig gute Chancen, Manta-Rochen unter der Wasseroberfläche zu begegnen.
Gleich beim ersten Versuch hatten wir nicht nur Glück mit dem Wetter über Wasser -wegen der Wellen kann man tatsächlich häufiger gar nicht rausfahren-, sondern auch mit den wahnsinnig anmutigen Mantas unter Wasser. Weiteres Häkchen auf der imaginären Bucket-List – Check! Zusätzlicher freier Tag – Check!
Als Belohnung wurde sich am Folgetag also nochmal ein Roller gemietet und einfach über die wirklich abenteuerlichen Straßen entlang der Steilküsten von Nusa gefahren. „Saren Cliff Point“ absoluter Fotogeheimtipp.
Um daneben nach längerer Südseeabstinenz so langsam Geburtstagsparty ready zu werden, war für die folgenden vier Tage eine Art Bootcamp der besonderen Sorte angesetzt – Gili T! If you know, you know. Auf dem Weg nach Lombok konnte ich an diesem Backpacking-Klassiker unmöglich einfach vorbeifahren und unmöglich nur für eine Nacht bleiben. Viel Entdecken konnte man auf der winzigen Insel zwar nicht. Viel erleben und vor allem viel „trainieren“ dafür umso mehr.
Getreu dem Motto erst das Vergnügen dann die Arbeit sollte nach Gili T wieder das Entdecken bzw. passender, der Sport im Vordergrund stehen. Irgendwo zwischen Boat-Party und Hostel-Pool hatte ich mir nämlich überlegt, Lomboks höchsten Berg -den Vulkan Rinjani- besteigen zu müssen. Von Startpunkt bis Gipfel immerhin gut 3.500 Höhenmeter. Dazu stabile 30 Grad im Schatten und ein Wanderweg, der mit den pittoresken Pfaden der Alpen nur bedingt Ähnlichkeiten hat.




























Ich wollte ein Workout. Ich bekam ein Workout. Ganze zwei Tage lang – glücklicherweise! Ursprünglich hatte ich mir nämlich mit meiner alpinen Überheblichkeit nach diversen Freizeitbergtouren die Idee in den Kopf gesetzt, das ganze wegen des Zeitdrucks an einem Tag durchzuziehen. Erst kurz vor dem Beginn der Tour ließ ich mich doch noch von meinem Guide überzeugen und schlief mit den anderen Gästen der Gruppe eine Nacht im Zelt auf halber Strecke. Rückblickend betrachtet einer der besten Entscheidungen des Trips.
Denn ach du meine Güte! Die letzten 800 Höhenmeter schnurstracks durch die Dunkelheit nach oben über das endlos rutschende Geröll des Vulkangrats waren selbst mit der Übernachtungspause eine absolute Belastungsprobe – physically und mentally. Als Tagestour wäre es spätestens hier grenzwertig geworden. Selbst bei wirklich guter alpiner Erfahrung.
Einmal oben angekommen, gabs dafür natürlich wieder das, was ich auch im Sommer in den Alpen so unglaublich liebe. Endlose Aussichten, das Gefühl über den Wolken zu sein, atemberaubende Sonnenaufgänge und jede Menge Endorphine.
3000 Höhenmetern bergab später und zurück im Hostel, das ich wegen der Nähe zum Hafen von Lombok im ziemlichen Nirgendwo für meine letzte Nacht gebucht hatte, wartete unser Gastgeber mit einer ganz besonderen Sidequest auf mich. Weil er beim ersten Kurzaufenthalt erfahren hatte, dass ich Fußballer war, lud er mich spontan auf den nahegelegenen Sportplatz ein. Dort lief nämlich gerade das lokale Fußballturnier, bei dem die umliegenden Dörfer gegeneinander für irgendeine Art von Preis antreten.
Zusammen mit einem Holländer aus dem Hostel (Dutchies everywhere s.o.) gings also einmal quer über die Straße zu besagtem „Sportplatz“. Beziehungsweise eher zu einer semi-vermüllten Wiese mit zwei Toren an den Seiten und locker fünfhundert Indonesiern am Rand des Spielfelds, die absolut für Stimmung sorgten. Anscheinend nicht nur ein Freundschaftsspiel. So viel war schnell klar.
Was für einen absoluten Film von Fußballspiel wir dann aber die kommenden 90 Minuten sehen sollten, hätten wir unmöglich vorhersehen könne. Hühner im Sechzehner, ‘ne Kuh am Seitenrand, Roller mit ganzen Großfamilien auf dem Beifahrersitz, die während eines Einwurfs kurz mal durch den Mittelkreis düsen, und vor allem eine Art und Weise Fußball zu spielen, die so ziemlich genau das Gegenteil war, von dem was ich von deutschen Amateurfußballspielen gewohnt war. Die Indonesier spielten quasi Fußball mit Vollkontakt. Sprungkicks, hüfthohe Grätschen, stumpfes Umschubsen. Dazu alles Spieler auf den Ballführer, immer und überall. Irgendwas zwischen Chaos und Kampfsport völlig ohne Taktik. Aber auch völlig ohne Meckern. Wo in Deutschland bereits bei der ersten Berührung laut losgeschrien wird, war in Indonesien selbst nach ‘nem Tritt in den Bauch kein Mucks zu hören – Indonesische Härte eben. Wie das Spiel ausging, weiß ich nicht mehr. Dank des Drumherums aber sowieso zweitranging. Dabei sein ist alles beim Insel-Amateurfußball Indonesiens.


























Für die letzte Etappe vor meiner Rückkehr nach Bali ging’s am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück Richtung Hafen. Zum Abschluss meiner Tour nach Osten hatte ich mich für vier Tage bei der Bootstour von Wanua-Adventure zwischen Lombok und Flores eingekauft. Auch das ein Backpacking-Klassiker und auch das eine Tour, die ich jedem, der kein zu großes Problem mit Komfortverzicht hat, wärmstens ans Herz legen kann.
Mit knapp dreißig Personen für drei Nächte auf dünnen Matten dicht an dicht auf dem Boden eines schaukelnden Boots zu schlafen und dabei vier Toiletten zu teilen. Sicher auch nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Jeden Morgen irgendwo auf dem tiefblauen Wasser zwischen den unzähligen Inseln Indonesiens aufzuwachen, nachts den völlig ungetrübten Sternenhimmel über dem Pazifik zu beobachten und dazwischen 24/7 unter Leuten zu sein aber schon eher. Dazu die einmalige Erfahrung mit Walhaien zu schnorcheln, Komodo-Warane auf Ihrer Heimatinsel zu sehen und an pinken Stränden in der Sonne zu liegen.
Das temporäre Leben auf dem Boot war für mich auch abseits der Erlebnisse etwas Besonderes. Spätestens nach zwei Tagen ohne wirklichen Handyempfang dauerhaft umgeben vom endlosen Pazifik und den vielen Inseln verlor man nicht nur Orientierung, sondern auch Zeitgefühl. Jede Menge Raum zum Nachdenken also.
Als nach Sonnenuntergang die Gespräche, die man am Tag durch die Vielzahl an Backpackern nahezu dauerhaft hatte, langsam weniger wurden und die Stille irgendwann nur noch von den Wellen unterbrochen wurde, kam beim Blick in den Nachthimmel gefühlsmäßig wie so oft in solchen Momenten ganz viel auf einmal hoch. Winzig klein in einer riesigen Welt zu sein, keine einzige Sorge mehr zu haben, dieses einmalige Gefühl von Freiheit und das Bewusstsein meinen bekannten Alltag vollständig hinter mir gelassen zu haben. Einen Alltag, der mittlerweile schon mehr als 9 Monate zurück lag.
Bereits in der Einsamkeit Ozeaniens hatte ich vereinzelt darüber nachgedacht, demnächst in diesen Alltag zurückzukehren. Ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt, ob ich eher will oder eher muss, hatte ich mich zwischen all den Erlebnissen aber nicht. Erst als ich allein auf dem Bug des Schiffs unter dem Nachthimmel lag, schoss mir genau diese Frage zwischen all den anderen Gefühlen wie aus dem Nichts wieder in den Kopf. Und ohne viel darüber nachdenken zu müssen, war die Antwort nach all den Monaten sofort klar. Anfangs eine Art Sehnsucht nach Komfort, eine Art Sehnsucht nach Gewohnheiten. Wenig späte einfach Sehnsucht nach der Heimat. Kein Heimweh, nein. Aber das erste Mal ein ganz klares Bewusstsein, dass es bald genug sein sollte und ich es genauso wollte.




Life’s better in Bali
Mit dem Bewusstsein, ready für die Heimreise zu sein, freute ich mich umso mehr, auf die letzten knapp zwei Wochen, die noch vor mir lagen. Zurück auf dem Festland hieß es also direkt ab ins Taxi zum Flughafen und wenig später über den Wolken Richtung Bali. Nach über 9 Monaten Leben aus dem Rucksack sollte zum Schluss hier einfach die Zeit genossen werden und das Bali-Life zwischen Smoothie-Bowl, Wellness, Surf & Co. so richtig embraced werden.
Mit dem KIMA-Surfcamp in Canggu war der in meinen Augen perfekte Spot für genaue diese Mischung aus Comfy-Surf-Lifestyle, Food und Party schon gefunden. Und mit Teja’s-Geburtstag, die extra eine kleine Villa in Ubud für drei Nächte gemietet hatte, stand auch genug Abwechslung auf dem Programm.
Die nächste sieben Tage verliefen also absolut Bali typisch als Wechsel aus Sport und Party. Tagsüber mit dem Board in den Wellen jede Menge Fortschritte beim Surfen machen, abends irgendwo zwischen Old Man’s, Mexicola und Sand Bar diese Fortschritte wieder wegtanzen bzw. wegfeiern. Dreimal am Tag eine Mahlzeit, die ich jedes Mal bei Instagram hätte posten können, kein Bali-Belly und mit dem KIMA einfach ein Traum von einer Unterkunft. Just look at it!!!






















Ehrlicherweise muss ich hier aber auch sagen, dass Bali vor meiner Ankunft für mich nie einen außergewöhnlichen Reiz hatte. Ganz im Gegenteil. Die vielen Storys über das tägliche Verkehrschaos, die Massen an Touristen, die Oberflächlichkeit und dieses Gefühl, die Insel völlig nach westlichen Vorstellungen zu bebauen, schreckten mich die meiste Zeit meiner Reise eher ab.
Nach meiner ersten Woche auf der Insel, konnte ich aber feststellen, dass diese Sorgen nicht wirklich begründet waren. Ja, Bali ist voll. Und ja, der Verkehr ist ein absoluter Fiebertraum. Wenn man sich aber einfach an einem Spot based, nicht zu viel auf der Insel rumreist und statt Strandurlaub den Fokus auf Sport und Surfen legt, kann man in Bali das Leben wirklich sehr genießen. Die schönsten Momente hatte ich immer dann, wenn ich mich entspannt zwischen Surfcamp, Bars und/oder der Villa in Ubud aufhielt und gemeinsam mit den tollen Menschen Komfort, Essen und Wetter einfach enjoyen konnte. Die klassischen Bali-Sightseeing-Highlights wie Monkey-Forest-Ubud oder Pura Tirta Empul wurden dazwischen zwar auch besucht. Voll mit Touristen und westlichen Preisen hätte ich diesen Part von Bali aber auch einfach skippen können.
Nicht skippen konnte, wollte, durfte ich den Geburtstag von Teja. Nach fast einem halben Monat Dauerzeitstress, hatte ich es tatsächlich geschafft all meine Pläne für Indonesien rechtzeitig vor dem 22.05 irgendwie unter einen Hut zu bekommen und sogar genug Zeit rausgeholt, um zum Abschluss meiner Zeit auf Bali gemeinsam mit dem Geburtstagskind und Ihren Freunden Marko und Jerca drei Tage in Ubud zu verbringen.
Das Beste kommt zum Schluss, sagt man ja bekanntlich. Und selten hat dieser Spruch so gut gepasst. Die gemeinsamen drei Tage in Ubud waren ein fast schon kitschig perfekter Abschluss von Bali. Kennengelernt im November irgendwo in einer Hostel-Lobby in Laos standen wir sechs Monate später zu Tejas-Geburtstag gemeinsam zum Sonnenaufgang auf dem Mt. Batur und konnten es selbst kaum fassen, den Kontakt die ganze Zeit mehr oder weniger gehalten zu haben.








Chaos, Kater und vergessene Abenteuer
Was ich in der Zwischenzeit dabei von Teja lernen durfte, war, dass man definitiv gut zusammen feiern konnte. Zum Geburtstag gab’s daher nicht nur ein kurzes „Alles Gute“, sondern einen 24 Stunden Marathon mit Sunrise-Hike, Quadtour, Dinner Poolparty und irgendwann die Idee gleich eine ganze Flasche Gin in Ubud’s einziger Bar mit Stimmung zu bestellen.
„Pascal, wake up!!!!! We need to go nowww!!! Our flight’s gonna leave in like an hour!“
Was zur Hölle ist hier los? Was ist gestern passiert? Wie viel Uhr ist es? Meine ersten Gedanken am nächsten Morgen waren völlig durcheinander nach diesem unsanften Wecker, der am Fußende des Bettes schon wild am Gestikulieren war und mir signalisierte schleunigst aufzustehen. Völlig betrunken, wie ich noch war, dauerte es einen Moment, bis ich anfing zu realisieren, was hier gerade los war und meine ersten Worte rausbekam. „Hab ich verschlafen?“ „Ja, hast du. Aber nicht nur du, ich auch. Wir müssen los, jetzt! Der Flieger geht gleich.“
Aber welcher Flieger? Eigentlich hatte ich doch angekündigt, die letzten Tage in Bali ausklingen zu lassen bzw. zumindest so geplant.
Geplant, bis sich kurz vor knapp doch noch spontan gegen Komfort und für ein letztes Abenteuer entschieden wurde. Dank einer Idee namens Timor-Leste.
Der Reihe nach. Was war also passiert? Naja… Zuallererst hatte es an Tejas Geburtstag anscheinend so richtig gekracht. Filmriss, Kater und leere Portemonnaies inklusive. Schon knapp eine Woche vorher hatten wir nüchtern (!!!) die Schnapsidee, aus 14 Tagen Bali, 7 Tage Bali und 7 Tage Timor zu machen. Warum? Gute Frage – wahrscheinlich einfach sehr hohes Random-Sidequest-Potenzial. 7 wilde Tage und vor allem zwei Flaschen Gin später hatten wir diese Schnapsidee dann allerdings schon wieder völlig vergessen. Erst mein Handyalarm bezüglich Online-Check-In riss uns bzw. vor allem Teja aus dem Schlaf und erinnerte daran, dass da ein (nicht ganz günstiger) Flug in Richtung Timor’s-Hauptstadt Dili gebucht war.
Halbwegs wach galt es also, keine Zeit zu verlieren und ins erstbeste Taxi Richtung Flughafen Bali-Denpasar zu springen. Problem Nummer 1 dabei: Unser körperlicher Zustand. Problem Nummer 2: Teja hatte es somehow geschafft, im Partyrausch der vorigen Nacht ihr Handy quasi auf Werkszustand zurückzusetzen und mal eben zwölf Monate Reiseerinnerungen final zu löschen. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch im Full-Bruch ging es also Last-last-Minute in den Flieger nach Timor-Leste bzw. Ost-Timor.








Von Ländern, die niemand kennt
Ja, was zur Hölle und wo zur Hölle ist eigentlich Timor-Leste, könnte man sich an dieser Stelle vielleicht fragen. Laut Chatty bekommen die meisten Deutschen bei dem Namen am Ehesten ein Gefühl zwischen „klingt exotisch“ und „google ich später mal (Spoiler: nein)“.
Ein „ja klar kenne ich“, bekommt man jedenfalls normalerweise nicht. Aber genau das, war vielleicht der größte Reiz an dieser letzten Sidequest. Nochmal an einen Ort, den zu Hause niemand kennt und zu dem auch niemand eine Meinung hat.
Obwohl Timor-Leste tatsächlich ein eigenständiger Inselstaat irgendwo zwischen Indonesien und Australien ist. Lange Zeit portugiesische Kolonie, war Timor sogar der erste Staat, der im 21. Jahrhundert unabhängig wurde. Kulturell als mehrheitlich christliches Land ein absolutes Kontrastprogramm zu Indonesien und auch touristisch nahezu ohne jegliche Infrastruktur.
Bereits die Anreise durch Dili war insofern ein absoluter Film. Das Taxi, das uns vom Flughafen zum einzigen Hostel der Stadt bringen sollte, fiel auf laufender Straße mehr oder minder auseinander. Im Fußraum des Beifahrersitzes war der Boden so durchgerostet, dass man während der Fahrt durch das Reverse-Panorama-Fenster auf die unter einem liegende Straße schauen konnte und die Frontscheibe hätte selbst Carglass nicht mehr reparieren können. Die Währung in Timor war zwar im Bereich von Scheinen US-Dollar, im Bereich von Münzen allerdings eine landeseigene (?!). Und auch die Preise waren eine seltsame Mischung aus absolut günstig und unverschämt teuer.
Zwischen all diesen parallelen Kulturschocks mussten wir noch dazu versuchen, irgendwie Teja‘s Fotos wiederherzustellen. Mental wäre sonst mit ihr nicht wirklich viel anzufangen gewesen. Auf der Suche nach einer ausreichenden Internetverbindung fuhren wir also fast anderthalb Tage quer durch die Hauptstadt, die eher einer Kleinstadt ähnelte, klapperten sämtliche Handyshops ab, kauften jede Menge SIM-Karten, testeten WLAN-Netz und durften am Ende doch jedes Mal aufs Neue feststellen, dass hier vermutlich der schlechteste Ort der Erde war, um 500 Gigabyte Daten irgendwie aus der iCloud wiederherzustellen. Immerhin dort waren ihre Bilder nämlich teilweise gesichert.
Nachdem nach knapp zwei Tagen immer noch kein stabiles Internet gefunden wurde, der Mental-Breakdown aber so langsam verarbeitet war, konnten wir uns endlich berappeln das wenig spektakuläre Dili hinter uns zu lassen und per Fähre zur nahegelegenen Insel Atauro überzusetzen. Knapp 23 Kilometer vor Dili sollte man hier nämlich überragend tauchen können.
Und das war definitiv nicht zu viel versprochen. Angekommen auf Atauro, war zwar außer einer langen Straße entlang der Küste und einem einzigen kleinen Shop wenig bis nichts. Knapp zweihundert Meter vom Hafen entfernt, lag dafür sehr idyllisch unser Spot für die kommenden zwei Tage mit dem Atauro Dive-Resort (wobei Resort hier absolut übertrieben ist) direkt am Strand.
Nach dem holprigen Start in Timor sollte hier wieder ein bisschen geregelter Travel-Alltag einkehren und zwischen den mehrmals täglich stattfindenden Tauchgängen die Zeit einfach in den Hängematten genossen werden. Weil Atauro so abgelegen von allem war, blieben ohnehin wenig Alternativen. Der Abgelegenheit sei Dank, waren auch die Riffe hier noch völlig intakt. Die Bilder, die ich insofern unter Wasser mehrmals täglich zu Gesicht bekommen durfte, waren nicht nur mit Abstand die Besten, die ich bei all meinen Tauchgängen bis zu diesem Zeitpunkt sehen durfte, sondern auch und vor allem endlich wieder ein Good-Vibes Garant.
Nachdem zur größten Überraschung im Nirgendwo von Atauro dann tatsächlich auch noch stabiles WLAN gefunden wurde und Teja’s Bilder wiederhergestellt werden konnten, war Level 100% sorgenfrei fast wieder erreicht.








1,5 Piraten und ein letztes Adventure
Fast, weil wir irgendwie auch zurück auf die Hauptinsel nach Dili kommen mussten. Dank der wiedergewonnenen Energie hatten wir uns nämlich vorgenommen, nicht einfach die übrigen zwei Tage in Dili abzusitzen, sondern noch den höchsten Berg des Landes in der Region Hatu-Baulico zu besteigen. Um das zu schaffen, war wieder mal ein recht ambitionierter Zeitplan und eine möglichst baldige Rückkehr nach Dili erforderlich. Problem diesmal: Der Fährplan zwischen Atauro und Dili war absolut undurchschaubar. Verschiedene Boote fuhren nur an einzelnen Wochentagen, verschiedene Boote fuhren gar nicht, verschiedene Boote fuhren ohne Plan. Erst nach ganz viel Dialog mit dem Besitzer des Dive-Resorts, der zufälligerweise auch Deutscher war, erfuhren wir, dass es die Möglichkeit gibt, mitten in der Nacht mit einem täglich fahrenden Local-Boot überzusetzen.
Genau unser Ding, dachten wir uns, packten mitten in der Nacht die Sachen und standen um drei Uhr morgens zwischen einigen Einheimischen am Strand von Atauro. Das Boot, was uns die knapp 23 Kilometer zurück nach Dili bringen sollte, war eine bessere Nussschale. Zwei Motoren am Heck, ein Bretterverschlag unter dem man nur gebückt sitzen konnte und völlige Dunkelheit bei hohem Wellengang. Was sich im Gespräch noch gut anhörte, war in Echt irgendwo zwischen Angst und Abenteuer, wobei spätestens nach der Realisation, dass wir keine einzige Rettungsweste an Bord hatten, die Angst übernahm. Während die Einheimischen die knapp zwei Stunden dauernde Überfahrt einfach durchschliefen, lagen Teja und ich also völlig wach in der Dunkelheit. Erst als ich mit beiden Beinen wieder an Land stand, konnte ich ein bisschen aufatmen.
Allerdings auch nicht wirklich lange. Denn unmittelbar als nächstes stand die Busfahrt in Richtung Hochland von Timor an. Nachdem schon die Taxis völlig verkehrsuntauglich waren, hatte ich auch vor den Bussen entsprechenden Respekt. Nicht ganz unbegründet… Während unser Bus zwar insgesamt gut in Schuss war, waren es die Straßen zunehmend nicht. Immer nach oben ging es also durch wilde Serpentinen über eine Mischung aus Baustellen, flüchtig reparierten Erdrutschen und mit jeder Menge waghalsiger Fahrmanöver bis Maubisse.
Ab hier konnten wir mit dem Bus nicht mehr weiterfahren und mussten uns umorientieren. Bis Hatu-Bauliico standen noch knappe 15 Kilometer auf dem Programm, die wir per Anhalter erledigen wollten. Als wir kurze Zeit später an der Abzweigung zur einzigen Straße in die Region standen, wurde uns allerdings klar, dass das einfacher gesagt als getan sein wird. Der Weg war ab hier nur noch eine einzige Offroad-Piste. Durch den vielen Regen und die Erdrutsche teilweise weggespült, teilweise von Schlamm durchsetzt, teilweise überhaupt nicht mehr existent. Entsprechend fuhr hier nur lang, wer wirklich musste und wir entschieden uns wohl oder übel, die 15 Kilometer zu Fuß zu versuchen.
Schon nach wenigen Minuten konstant bergauf ohne ein einziges Fahrzeug in der Nähe wurde uns allerdings klar, dass die Schnapsidee diesmal eine Nummer zu groß war. Um wenigstens dem einsetzenden Regen zu entgehen, hielten wir also im einzigen Shop, der am Straßenrand war, an, um uns kurz etwas zu essen zu besorgen und anschließend umzukehren. Gerade bereit für den Rückweg, hörten wir plötzlich Motorengeräusche und sahen wenig später einen kleinen Allrad-LKW in Richtung Hatu-Baulico fahren. Daumen raus und zwei Sätze später saßen wir auf der Ladefläche und fuhren los.
Los in Richtung des remotesten Spots, den ich bei all meinen Reisen bisher kennenlernen durfte. Die 15 Kilometer hatten wir nämlich maßlos unterschätzt. Es ging rauf, es ging runter. Manchmal erschienen kleine Siedlungen. Die meiste Zeit war da aber absolutes Nirgendwo. Die Straße, die immer mehr zu zwei ausgewaschenen Rillen wurde und der Truck, der immer mehr kämpfte, ließen uns irgendwann zweifeln, ob hier überhaupt noch jemand ernsthaft leben kann. Aber schlussendlich kam nach über zwei Stunden tatsächlich so etwas wie eine Stadt. Bis heute rätsele ich, wie sich in dieser Abgelegenheit und mit dieser kaum passierbaren einzigen Zugangsstraße eine Siedlung herausbilden sollte. Aber ja, wir waren dort – in Hato Baulico am Fuße des Tatamailau, dem höchsten Gipfel Timors im Ramelau-Gebirge. Ohne Internet konnten wir sogar irgendwie noch ein Guesthouse mit Bett in diesem Niemandsland finden, um ein paar Stunden Schlaf zu sammeln, bevor es zum Sonnenaufgang Richtung Gipfel gehen sollte. Da war dann auch egal, dass die gesamte Atmosphäre maximal seltsam und aus der Zeit gefallen war.






Gegen drei Uhr am nächsten Morgen machten wir uns auf, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu sein. Gemeinsam mit dem obligatorischen Guide, den wir eigentlich nicht wollten, aber angeblich mitnehmen mussten, waren wir anfangs relativ zügig unterwegs. Zügig unterwegs, bis Teja plötzlich Probleme mit einem ihrer Augen bekam und vor allem die aufkommende Helligkeit sie dazu zwang, ihr linkes Auge dauerhaft zuzukneifen. Mit meiner Schlafmaske, die mittlerweile neun Monaten in meinem Rucksack rumlag, bastelten wir notgedrungen eine Art Augenklappe und mussten zunehmend langsamer gehen. Aufgeben wollten wir aber nicht. Dafür waren wir viel zu weit gekommen.
Schlussendlich am Gipfel wurden wir für diese Strapazen mit einem Meer aus dichten Wolken nicht wirklich belohnt. Die Belohnung war einfach dieses Gefühl, es gegen die Erwartungen mit drei von vier Augen geschafft zu haben. Ein letztes Mal ein wirkliches Abenteuer in Südostasien.
Der Weg runter gestaltete sich dann sogar nochmal deutlich schwieriger, weil Teja mittlerweile überhaupt nicht mehr mit ihrem linken Auge sehen konnte und entsprechend jeden Schritt planen musste. Ewig später zurück in der Unterkunft vom Vortag und bereit für den Heimweg, war zu unserer Überraschung niemand mehr aufzufinden. Die Organisation eines Rücktransportes, die eigentlich abgesprochen war – Fehlanzeige! Notgedrungen und durch das Problem mit dem Auge auch schon ziemlich nervös, hieß es also Fortsetzung unserer An- und Abreise Odyssee. Wieder einfach losgehen und wieder die wenigen Menschen, die man traf, anquatschen, in der Hoffnung irgendwen zu finden, der uns fährt…
Wenn wir überhaupt sprachlich verstanden wurden, gab es regelmäßig entweder ein „Nein“, „hier fährt nichts“, „hier wird nichts fahren“ oder „hier ist nichts gefahren.“ Beim zehnten Versuch gaben wir also so langsam auf und begannen einfach den ewigen Weg vom Vortag zurückzumarschieren. Zur Feier des Tages stärker werdender Regen und so langsam die Realisation, in was für einer Situation wir uns befanden. Hatten wir es tatsächlich übertrieben? War das jetzt tatsächlich zum Abschluss doch dieser eine Fail, der mehr als nur ein kleines Problem bedeuten sollte?
Ich mach’s kurz. Nein, wir hatten mal wieder Glück. Knapp anderthalb Stunden zu Fuß mussten wir zwar durch den Regen laufen. Irgendwann kamen wir aber auf eine Art Markt mit einer relativ großen Versammlung von Einheimischen und vor allem jeder Menge Trucks, die aus der Stadt wohl ihre Ware hergebracht hatten. Wir fingen also sofort an, den Locals unser Schicksal zu berichten und bekamen sofort wieder unsere Lieblingsantwort: „Nein“… Selbst unser Angebot etwas dafür zu bezahlen, änderten die Antworten nicht und gefühlsmäßig waren wir irgendwo zwischen absolutem Frust und Akzeptanz unseres Schicksals angekommen, sodass der Marsch ins nirgendwo wohl oder übel fortgesetzt werden musste.
Vielleicht war es Verhandlungstaktik, vielleicht einfach ein Missverständnis. Gerade als wir den Markt hinter uns gelassen hatten, kam jedenfalls doch einer der Trucks auf uns zu, der kurz vorher noch abgelehnt hatte. Daumen raus, kurzes Nicken und ein Preis von 20 USD. Wir hatten es geschafft. Zu dritt in der Frontkabine des Trucks ging es zurück Richtung Zivilisation über diese Straße aus der Hölle.










Angekommen auf der Rückbank des Busses von Maubisse nach Dili machte sich die Erleichterung dann so richtig in mir breit. We did it – in nicht mal 48 Stunden von Atauro auf den höchsten Berg Timors und zurück. Die auf dem Hinweg noch völlig abenteuerliche Fahrt durch die Berge war plötzlich tiefenentspannt. Voller Euphorie und mit der Erkenntnis, dass es jetzt wirklich nach Hause geht, saß ich einfach da und ließ die Landschaften von Timor ein letztes Mal an mir vorbeiziehen. Als dann noch ein Local mit Ziege (?!) zustieg, war es wieder so weit. Dieses einzigartige Feeling von Freiheit, Glück und Zufriedenheit. Der ewige Antrieb für alles, was ich die vergangenen knapp 10 Monate auf mich genommen hatte.
Um es in diesem finalen Moment festzuhalten, holte ich mein Handy raus und tippte genau für diesen Absatz die folgenden Zeilen in mein Handy.
„Wenn man am Ende in einem offenen Minibus neben einer Ziege sitzt, die Musik völlig übersteuert und niemand auch nur einen Satz Englisch spricht ist trotzdem wieder alles auf eine komische Art und Weise perfekt. Der Fahrtwind, die Aussicht und dieses Gefühl, dass hier sonst kein Tourist hinkommt. Südostasien ist eben alles auf einmal. Komplettes Chaos, keine Ordnung, wenig Regeln. Gleichzeit aber auch komplette Überraschung an jedem Ort und jedem Tag. Es funktioniert einfach irgendwie. Niemand verstehe es, niemand will es verstehen und niemand wird es verstehen. Aber es klappt!“






Epilog
Und klappen sollte auch der Rest. 31.05.2024 – 07:23 Uhr. „Der Adler ist gelandet.“ Ich war zurück in Deutschland und auf meinem Handy erschien die Nachricht, dass Teja’s Augenbehandlung gut verlaufen war. Am Ende waren es 285 Tage. 285 Tage am anderen Ende der Welt, 285 Tage Erlebnisse, 285 Erinnerungen und vor allem 285 Tage ohne etwas, von dem ich bei Abreise nicht glauben konnte, wie sehr ich es vermissen sollte.
Um 11 Uhr morgens pünktlich zur Ladenöffnung stand ich völlig gejetlagged dort, wo ich diese Sehnsucht beenden wollte. Nach getaner Arbeit ein fast schon ehrfürchtig anerkennender Handschlag vom Chef und ein Satz, der für immer in Erinnerung bleiben wird: „11 Uhr morgens, zwei Döner. Sieht man auch nicht oft!“
XOXO Pallo




